AdTech AdAdTech Ad

Immer mehr Juden werden Europa verlassen

Der neue Antisemitismus, der derzeit in Westeuropa droht, hat seine Wurzeln in der muslimischen Zuwanderung. Eine schnelle Besserung ist nicht zu erwarten.
von Michael Wolffsohn (Gastautor)
Meinung
Immer mehr Juden werden Westeuropa verlassen und nach Israel auswandern. (Bild: Fabrizio Bensch / Reuters)

Immer mehr Juden werden Westeuropa verlassen und nach Israel auswandern. (Bild: Fabrizio Bensch / Reuters)

Es gibt den herkömmlichen Antisemitismus, der sich meist auf Diskriminierungen beschränkt. Er stammt aus dem alten, vorislamischen Ägypten und existiert seit rund dreitausend Jahren. Auf Jiddisch nennt man ihn resignativ den «guten, alten Rischess».

Und es gibt den mörderischen, liquidierenden Antisemitismus, der ein Krisensignal in Zeiten fundamentaler Veränderungen ist. Historische Beispiele für den mörderischen Antisemitismus sind etwa die Judenverfolgungen der Kreuzzugsepoche, die Endzeit des russischen Zarenreiches und natürlich die Epoche des Faschismus.

Wenn nicht alles täuscht, steht Westeuropa derzeit erneut vor einem mörderischen Antisemitismus. Der Fundamentalwandel, der ihn diesmal begleitet, ist die demografische Revolution, ausgelöst durch die muslimische Migration. Zwei Stichworte kennzeichnen sie. Erstens – hier ist Deutschland ausgenommen – die Entkolonialisierung. Die Ironie dieser Geschichte: Die Befreiten aus den ehemaligen Kolonien wurden weder politisch noch wirtschaftlich frei und strömten massenweise zu den ehemaligen Unterdrückern in Europa.

Faktor zwei ist Westeuropas wirtschaftliche Magnetkraft. Viele muslimische Migranten suchten ein besseres Leben. Aber ihre oft zu hohen Erwartungen wurden enttäuscht. Europa wollte und brauchte Migranten ganz einfach als Arbeitskräfte. Nur deshalb waren sie anfangs willkommen, ohne dass man sich wirklich um sie gekümmert hätte.

Die gut qualifizierten, eher bürgerlichen und daher gemässigten postkolonialistischen Migranten aus muslimischen Ländern integrierten sich schnell und gut in Westeuropa – oder sie strebten gleich in die USA. Die eher schlecht qualifizierten Migranten strömten nach Deutschland und Frankreich.

Die meisten haben sich arrangiert, aber allzu viele eben nicht. Und diese schlecht integrierten und vielfach frustrierten Menschen waren von extremistischen Muslimen leicht verführbar. Diese Analyse wiederum verweist auf das, was zu tun ist: Das Bildungsniveau und damit die wirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen der muslimischen Minderheiten muss verbessert werden.

Es braucht pädagogische Anstrengungen für die europäisch-freiheitliche Ethik. Es braucht effektives Handeln bei Polizei und Justiz. Es braucht Disziplinierungen an Schulen oder Arbeitsplätzen. Kurz: Es gilt, Europas Regeln durchzusetzen!

Gleichzeitig muss man anfügen: Bildung und Wohlstand wirken leider nur bedingt anti-antisemitisch. Das zeigte nicht nur der alte, bildungs-und wirtschaftsbürgerliche Antisemitismus aus der Epoche des Faschismus, der teilweise vom Rischess zum Mitmorden glitt. Es gibt in Europas Bildungsbürgertum bis heute den «guten, alten Rischess». Doch anders als Islamisten werfen diese Antisemiten keine Bomben.

Sogar die eher proletarischen Rechten des französischen Front national oder der deutschen AfD schiessen oder stechen nicht auf Juden. Selbst wenn amtliche Statistiken heute die Rechtsextremisten als Hauptakteure des Antisemitismus nennen, so wissen Fachleute: Die Zahlen sind frisiert. Sie sollen, aus Angst vor Fremdenfeindlichkeit, islamistische Täter decken und verdecken.

Rischess und Mord gehören aber auch zur alten und neuen Linken. Erst vor wenigen Tagen gestand der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn, der die terroristische Hamas und Hisbollah verehrt, es gebe in seiner Partei Antisemiten. Er selbst zählt zu ihnen. Und dass heute Frankreichs oder Deutschlands Linke antisemitismusfrei wären, ist eine politische Legende. Für den deutschen Publizisten Jakob Augstein ist schon das Tragen der Kippa eine Provokation.

Mit der muslimischen demografischen Revolution wurde Westeuropa ein Nebenschauplatz des islamisch-arabisch-jüdischen Nahostkonflikts. So unterschiedlich und teilweise verfeindet extremistische Muslime sein mögen, so sehr eint sie zweierlei: Erstens der Hass auf Israel und die Juden, weil diese oft den jüdischen Staat unterstützen. Zweitens: die Prägung durch den militanten Antijudaismus Mohammeds und des Korans.

Europas Muslime sind eine grosse Minderheit. Sie wird noch grösser und damit politisch gewichtiger werden. Wer künftig in Europa Wahlen gewinnen will, muss nicht zuletzt sie gewinnen. Die bisher so lasche Reaktion der Politik auf den islamischen Antisemitismus sowie der zunehmend antiisraelische EU-Kurs sind auch so zu erklären.

Aus dem gleichen Grund ist – abgesehen von netten Kippademonstrationen, Antisemitismusbeauftragten und Lippenbekenntnissen – auch kein Kurswechsel zu erwarten. Es zeigt sich hier vielmehr die Ohnmacht des Staates, der nicht nur seine jüdischen Bürger im Stich lässt. Er kann die Sicherheit ganz einfach nicht garantieren. Deshalb werden immer mehr Juden, wie die französischen, Westeuropa verlassen und nach Israel auswandern.

Der Autor

Michael Wolffsohn.

Michael Wolffsohn.

Michael Wolffsohn, 70, ist deutsch-israelischer Historiker und Publizist. Er lehrte von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität in München. Seine Eltern waren 1939 nach Palästina geflüchtet, wo er 1947 zur Welt kam. Im Jahr 1954 kehrte die Familie nach Deutschland zurück.

Das könnte Sie auch interessieren
Mehr anzeigen