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Antisemitismus in Deutschland: Sag nicht, dass du Jude bist

Juden leben wieder gefährlich in Deutschland. Grund ist der Antisemitismus der muslimischen Bevölkerung. Wie konnte es ausgerechnet hier so weit kommen? 
von Silke Mertins, Berlin
Eine Kippa zu tragen, ist ein Risiko. Bei einem Protest gegen Antisemitismus in Berlin taten dies jedoch Hunderte Menschen. (25. April 2018) (Bild: Fabrizio Bensch / Reuters)

Eine Kippa zu tragen, ist ein Risiko. Bei einem Protest gegen Antisemitismus in Berlin taten dies jedoch Hunderte Menschen. (25. April 2018) (Bild: Fabrizio Bensch / Reuters)

Sobald es Frühling wird, holt Daniel Alter seinen Panamahut aus dem Schrank, ein von Hand geflochtener Strohhut aus Ecuador. Im Winter bevorzugt der schmale Mann Ende fünfzig Mützen, manchmal auch eine Baseballkappe. Nur eines trägt der deutsche Rabbiner nicht mehr offen auf der Strasse: seine Kippa.

Früher war das anders. Da ging er auch schon einmal, wenn er nicht mit seinen Kindern unterwegs war, schnell Milch kaufen, ohne die Kippa unter einer anderen Kopfbedeckung zu verstecken. Dabei hatten sie ihn vielleicht gesehen, die vier mutmasslich arabischen Jugendlichen, die ihn in seiner Strasse in Berlin Friedenau mit «Bist du Jude?» ansprachen und anschliessend vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter schlugen und ihm das Jochbein brachen.

Rabbiner Daniel Alter in einer Berliner Synagoge. (22. 2. 2016). (Bild: Uwe Steinert / Imago)

Rabbiner Daniel Alter in einer Berliner Synagoge. (22. 2. 2016). (Bild: Uwe Steinert / Imago)

Es gab Solidaritätskundgebungen, Politiker mahnten, dass so etwas gerade in Deutschland nicht sein und vor allem nie wieder vorkommen dürfe. Fünf Jahre sind seither vergangen, und jetzt ist es doch wieder geschehen. Ausgerechnet im gut situierten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wurden Mitte April zwei Männer mit einem Gürtel verprügelt, weil sie eine Kippa trugen.

Die Polizei hat einen 19-jährigen syrischen Asylbewerber als Tatverdächtigen festgenommen. Entsetzen hat der Vorfall vor allem deshalb ausgelöst, weil es von dem Angriff ein verwackeltes Video gibt, das sich über die sozialen Medien verbreitete.

Jude – Schimpfwort in der Schule

Daniel Alter überrascht die Attacke nicht. Für ihn ist schon lange klar, dass es immer und überall zu Übergriffen kommen kann. In deutschen Grossstädten wie Berlin gebe es «No-go-Areas» für Juden. Er könne zum Beispiel nicht empfehlen, als erkennbar jüdischer Mensch – sei es durch eine Kippa oder eine Kette mit Davidstern – durch Neukölln zu laufen. «Es sei denn, man hat einen Notfallsanitäter dabei.»

In seinem eigenen Stadtteil hatte er es allerdings nicht kommen sehen. In Berlin Friedenau ist rund um den Dürerplatz eines jener gut gemischten Viertel entstanden, wie Stadtentwickler sie sich immer wünschen: prächtige Jugendstil-Altbauten neben funktionalen Mietshäusern, Einwohner mit kleinen und mittleren Einkommen deutscher und nicht-deutscher Herkunft, Strassen mit hohen Bäumen, in denen es noch Schneider, Blumenladen, Bäcker, Coiffeur, Apotheke und sogar einen Tante-Emma-Laden gibt. Intakt wirkt es hier, idyllisch und lebendig.

Inmitten dieses urbanen Idealzustands ist nicht nur Rabbiner Alter, der inzwischen weggezogen ist, überfallen worden. Nur ein paar Gehminuten vom Dürerplatz entfernt liegt auch jene Schule, an der ein 14-Jähriger bis zur Scheinhinrichtung gemobbt wurde – nachdem er in einer Unterrichtsstunde erwähnt hatte, dass er jüdisch ist. Die muslimischen Schüler fühlten sich aufgrund des Nahostkonflikts provoziert, erklärte man den Eltern des Knaben, die mit Israel rein gar nichts zu tun haben. Der Direktor empfahl, den Sohn von der Schule zu nehmen.

«Jude» werde inzwischen auf jedem deutschen Schulhof als Schimpfwort missbraucht, sagt Rabbiner Daniel Alter, der bis vor zwei Jahren auch als Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde in Berlin arbeitete. Auch seine beiden Mädchen hätten lernen müssen, damit umzugehen, vorsichtig zu sein und nur in «sicheren Räumen» zu erzählen, dass sie jüdisch sind.

Aber nicht immer ist ohne Weiteres auszumachen, was ein sicherer Raum ist. Jüngst wurde schon eine jüdische Zweitklässlerin von muslimischen Mitschülern beschimpft und mit dem Tod bedroht. Mitglieder der jüdischen Gemeinde berichten, dass inzwischen Eltern empfohlen werde, auf Privatschulen oder eine jüdische Schule auszuweichen, weil sie anderswo keine «sicheren Räume» mehr sehen.

Dass dies ausgerechnet in Deutschland geschieht, wo die Auseinandersetzung mit dem Holocaust unverrückbar im Lehrplan steht und im öffentlichen Bewusstsein eine grosse Rolle spielt, liegt nicht zuletzt auch an den Lehren, die viele aus der Vergangenheit gezogen haben: Nie wieder sollte eine Minderheit diskriminiert werden.

Die meisten Deutschen wollen nicht als rassistisch oder anti-islamisch dastehen. Sie zaudern und zögern, wenn es darum geht, Migranten vorzuwerfen, antisemitisch zu sein. Und sie haben erschreckend viel Verständnis, wenn muslimische Schüler Israel das Existenzrecht absprechen oder das Land als Krebsgeschwür bezeichnen.

Reaktion auf israelische Politik

«Oft wird arabischer Antisemitismus damit entschuldigt, dass er angeblich nur eine Reaktion auf israelische Politik ist», sagt Daniel Alter. Damit werde eine vermeintlich rationale Erklärung für Rassismus geschaffen. Katastrophal sei eine solche Rationalisierung, sagt er. «In der deutschen Mehrheitsgesellschaft fürchtet man sich davor, mit Israel solidarisch zu sein. Deswegen wird viel unter den Teppich gekehrt.»

André Kowalske wollte es anders machen und nicht wegschauen. Er unterrichtet Politik und Geschichte an der Otto-Hahn-Schule in Berlin Neukölln, ein sozialer Brennpunkt. Migrantenanteil: 95 Prozent. Zum Schulalltag des jungen Lehrers gehört, dass Kinder und Jugendliche einander mit «Jude» beschimpfen und Israel aus so manchem Schulatlanten ausgekratzt ist.

«Niemand wird als Antisemit geboren», sagt er. Die einen hörten in der Familie nichts anderes, andere würden in der Moschee oder sozialen Netzwerken beeinflusst. «Aber man kann viele der Schüler durchaus erreichen.» Kowalske hat Fortbildungen zum Umgang mit Antisemitismus gemacht und Konzepte mitentwickelt. «Man muss sofort reagieren, sonst verfestigt sich so etwas wie ‹Jude› als Schimpfwort im Sprachgebrauch.»

Am besten aber funktionierten Treffen. Er bringt regelmässig Besuchergruppen jüdischer Amerikaner in seine Klassen. «Die meisten meiner Schüler sind ja noch nie einem jüdischen Menschen begegnet.»

Doch bei antisemitischen Verschwörungstheorien wissen auch er und seine Kollegen oft nicht weiter. «Sie sind erschreckend verbreitet, und es ist sehr schwer, dagegen anzukommen», sagt Kowalske. «Da stossen wir schon aus Zeitmangel pädagogisch an unsere Grenzen.»

Die über eine Million Flüchtlinge in Deutschland haben diese Probleme noch verstärkt. «Viele kommen aus Ländern, in denen Judenhass Staatsräson ist», sagt Daniel Alter. Der Trend unter Juden in Deutschland geht deshalb dahin, sich möglichst nicht erkennen zu geben, sagt der Rabbiner. 73 Jahre nach Auschwitz ist das eine bittere Bilanz.

Antisemitische Übergriffe: Falsche Statistik

Antisemitismusbeauftragter Felix Klein.

Antisemitismusbeauftragter Felix Klein.

Als junge Migranten palästinensischer Herkunft in Wuppertal eine Synagoge mit Molotowcocktails bewarfen, konnte das Oberlandesgericht kein antisemitisches Motiv erkennen. Dieses Urteil, das 2017 rechtskräftig wurde, illustriert beispielhaft, warum in der deutschen Polizeistatistik antisemitische Straftaten mit muslimischem Hintergrund nur als Randerscheinung vorkommen. 95 Prozent der Übergriffe sind demnach rechtsextrem motiviert.

Hundertfach wurde diese Polizeistatistik von Politik und Medien herangezogen, um zu zeigen, dass muslimischer Antisemitismus kein Problem sei. Nur: In der Wahrnehmung der jüdischen Minderheit in Deutschland - rund 200 000 Menschen - stellt sich das Verhältnis genau umgekehrt dar. Zwar ist Antisemitismus auch bei Bundesbürgern deutscher Herkunft gleichbleibend hoch und liegt bei rund 20 Prozent. Doch im Alltag der Grossstädte, wo die meisten jüdischen Deutschen leben, werden vor allem Antisemiten mit Migrationshintergrund als Bedrohung erlebt.

Inzwischen ist klar geworden, dass die Zahlen völlig verzerrt sind. Die Kriminalstatistik ordnet nur in die Kategorien «links» und «rechts» ein, so dass ein muslimischer Araber, der «Juden raus» schreit, unter Neonazis subsumiert wird. Laut dem American Jewish Committee wurde ein Hizbullah-Anhänger, der auf einer islamistischen Al-Kuds-Demonstration den verbotenen Hitlergruss zeigte, als rechtsextrem eingestuft.

Felix Klein, der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, will das nun ändern. Bundesweit soll ein Register aufgebaut werden, das alle antisemitischen Vorfälle erfasst - auch die unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Gesammelt werden sie mithilfe der jüdischen Gemeinde und in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Landespolizei.

«Man muss sich wundern, dass es das in Deutschland bisher noch nicht gibt», sagte Klein diese Woche. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat erst am vergangenen Dienstag davon abgeraten, als Einzelperson öffentlich eine Kippa zu tragen. Solche Zustände, sagt Klein, «dürfen wir als Staat nicht dulden». Silke Mertins, Berlin

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